Montag, 30. Januar 2012

Scheiß auf ne 1,3!

Im Nachtrag noch zwei kurze Ausführungen:

1. Ich kann meinen Ausbildungslehrer nicht leiden. Für all diejenigen, denen das in meinen bisherigen Posts nicht klar geworden ist. Noch viel weniger leiden kann ich ihn nach meinem Telefonat gestern. Auch wenn er es mit Sicherheit nur gut meint, manche Dinge gehen einfach nicht. Die sagt man nicht. Da fielen dann so Sätze, wie "Ich habe dir schon mehrmals gesagt, dass du den Arbeitsauftrag so und so formulieren musst!", "Schreib das jetzt bitte auf! Hast du's dir wirklich aufgeschrieben?", "Die Ziele sind nicht genau genug formuliert. Ich habe dir doch zwei Lehrproben von mir geschickt, da kannst du ja abschreiben!" (so weit kommt's noch), "Als deine Kollegin vor zwei Wochen Lehrprobe hatte, hat die auch auf mich gehört und der Fachseminarleiter fand das sehr gut!" (was interessiert's mich, wenn die "Kollegin" macht?) und die absolute Krönung war folgender Dialog:

Er, streng: "Aber fachlich musst du unbedingt aufholen!"
Ich, ergeben: "Das ist gar keine Frage, müssen wir gar nicht drüber diskutieren!"
Er, süffisant: "Aber wenn du ab Februar die 7. und 9. hast, dann musst du dir ja darüber keine Gedanken machen. Denen fällt das eh nicht auf!"

Ja, hallo? a) Weiß ich, dass ich in Philo fachlich was tun muss und b) was glaubt der das man in der Sek I macht? Kindergartenbetreuung?! Das ist für mich beleidigend und für die Schüler nicht weniger! Im Gegenteil, ich finde die Sek I in Praktischer Philosophie fast schwieriger zu unterrichten. Die kennen keinen Methoden, die Themen sind extrem schwer auf ein philosophisches Niveau zu bringen (wie war das mit dem Fragekreis "Sexualität"?!) und man benötigt viel mehr Aufwand, um die Schüler zu begeistern. Klar diskutiert man mit denen nicht über Kant (wer will das schon?), aber gerade weil sie in der 10. dann Philosophie haben, sollten da schon ein paar Grundsteine gelegt werden, ohne das die Schüler den Spaß daran verlieren. Aber was weiß ich schon...

2. Der Lieblingssatz meines Ausbildungslehrers lautet "Mach das so, hab ich auch gemacht und im Examen ne 1,3 bekommen!". In der Nachbesprechung mit meinem Fachseminarleiter ging es dann darum, was man selbst erreichen will, welche Art von Unterricht man machen möchte, wie wichtig die Anerkennung der Schüler ist etc. Meine Antwort: "Ich würde gerne Unterricht machen, bei dem die Schüler Spaß haben und auch noch was mitnehmen. Scheiß auf ne 1,3, da haben die Schüler auch nix von!" Gut, vielleicht hätte ich das nicht demjenigen sagen sollen, der mich tatsächlich benotet. Aber das ist doch so. Was haben denn die Schüler davon, wenn ich jeden didaktischen Kniff beherrsche, der Unterricht aber furzlangweilig ist? Ich hab dem Fachseminarleiter dann erzählt, dass alle meine bisherigen Abschlüsse ne 2 waren und das ich die auch im Ref will. Seine Gegenfrage (clever): "Und was machen Sie, wenn es eine Vier ist?" Äh, hm, also... :-) Nein, die Stunde wäre tatsächlich einen 2 gewesen (normalerweise verraten die das nicht bei den ersten zwei bis drei Besuchen) und so bin ich doch zufrieden!

Jetzt reicht's aber für heute :-)

1/10 - done


Yeah, die erste von insgesamt zehn Lehrproben liegt frisch hinter mir! Ick freu mir :-)

Hm, was kann man dazu erzählen? Ich muss das ja so aufschreiben, dass ich vor der nächsten hier reinschauen und mir Mut anlesen kann ;-) Gut, wieder von vorne: Die Stunde lief in der 11. Grundkurs Philosophie zum Thema "Tyrannei und Widerstand bei John Locke". Fachlehrer, mein Lieblingsmentor... Am Freitag habe ich die Stunde entwickelt und dem Lehrer geschickt, nachdem wir das Donnerstag so besprochen haben. Also, ich schicke sie ihm Freitag, er schaut sie sich an und wir reden am Samstag darüber, dass ich den Sonntag noch Zeit habe Änderungen vorzunehmen. Wann hat er sich gemeldet? Richtig, gestern Nachmittag 16 Uhr! Ohne Worte... Da ich jedoch den Plan auch dem Fachlehrer schicken muss und ich den nicht, durch zu spätes Schicken, zum späten Lesen zwingen will, hatte ich den Plan bereits 13 Uhr rausgeschickt. So konnte er sich aussuchen, ob er ihn Sonntags zum Kuchen liest, zum Einschlafen oder zum Frühstück. Was auch positiv angemerkt wurde, auch wenn es nicht schlimm wäre, hätte ich den Plan erst 20 Uhr geschickt. Ist egal, ist nicht mein Stil.

Jedenfalls fand die Stunde heute morgen statt, 7.45-8.30. Normalerweise bin ich immer kurz nach halb in der Schule, was heute jedoch nicht gereicht hätte, da ich die Tische passend umräumen musste, den Beamer organisieren, anschließen, ausrichten, testen, Tafel wischen - was man halt alles so macht als ehrgeiziger Referendar. Also musste ich noch früher aufstehen und war schon gegen sieben im Schulgebäude. Kurz nach halb war ich mit meinen Vorbereitungen fertig, als schon die ersten Schüler auftauchten. Und ausgerechnet die, die sonst immer auf den letzten Drücker oder zu spät kommen. So, jetzt muss ich beichten: ich habe ihnen die Problemfrage verraten :-( Eigentlich wollte ich nie zu denen gehören, die ihre Schüler vorher instruieren, aber sie haben mich gefragt. Und als gute Lehrerin MUSSTE ich einfach antworten... 

Jedenfalls hab ich dann die Herren abgeholt und dann war die Stunde auch schneller vorbei, als man gucken konnte. Schön mit nem Ausschnitt aus den Tagesthemen über die Zustände in Ägypten gestartet, die Theorie erarbeitet und mit einer Diskussion geendet, was die Ägypter jetzt machen müssten, damit da wieder ne Ordnung reinkommt. Ich fand die Stunde (bereits in der Planung) rund, der Fachseminarleiter auch und so drehte sich die Nachbesprechung eher um Dinge, über die man eigentlich nicht nach dem ersten Besuch spricht. So zumindest O-Ton Fachseminarleiter. Der Übergang von Einleitung zur Erarbeitung hätte länger ausfallen können und in der Sicherung war ein Satz nicht korrekt ausgedrückt. Das sind aber Dinge, die man mit Übung hinbekommt. Und die auch keinem Anfänger vorgeworfen werden. Und wie schon letzte Woche wurde ich in meinem Vorgehen, in meinem Stil bestätigt. Formulierungen, die mein Ausbildungslehrer gestern bemängelte, die ich aber nicht mehr geändert habe, fanden Anklang und Bestätigung. Begriffe, die laut meinem Fachlehrer, mit Sicherheit Kritik beim Fachseminarleiter hervorrufen, wurden überhaupt nicht erwähnt. Die Stundenziele sind klar formuliert, wenn auch nicht übertrieben wissenschaftlich, eben in meinem Stil. 

Es erstaunt mich wirklich! Im Vorfeld hört man immer wieder wie gemein und unrealistisch die Kritik der Fachseminarleiter wäre. Davon merke ich überhaupt nichts. Gut, jetzt muss ich den Donnerstag abwarten, wenn ich das erste Mal in Geschichte "auftrete". Aber auch hier steht schon die Grobplanung und ich muss "nur" noch das Material aufbereiten und den Kram drumrum schreiben (Ziele, methodisch-didaktische Überlegungen). Da wir aber nachher ein vierstündiges Seminar zum Thema Schulrecht haben, werde ich sicherlich einiges davon schaffen ;-)

Ach ja, noch eins. Nächste Woche bin ich noch mal in dem 11-Kurs von heute, mit dem versprochenen Kuchen und dem Bericht wie's lief. Ich habe dem Fachseminarleiter erzählt, dass ich dann die Schüler auch mal fragen möchte, was ich noch verbessern kann und er gab mir den Tipp, einfach mal zu fragen, was für sie guter Unterricht ist und erst im zweiten Schritt erzählen zu lassen, welche Kriterien ich davon erfülle. Dann wird's strukturierter. Mal sehen, ob mein Fachlehrer mir die Zeit gewährt... Ich berichte dann vom Resultat!

Donnerstag, 26. Januar 2012

Schülerzitate

Für alle, die nicht bei Facebook sind, hier meine drei Highlights nur von heute. Manchmal passiert gar nichts, und an anderen Tagen jagt ein Lacher den nächsten:
Frage an die 9. Klasse: "Wie konnte Hitler sicher stellen, dass alle Menschen von seiner Ideologie wussten bzw. nicht dagegen handelten?" - Antwort: "Na wenn da einer was dagegen gesagt hat, kam die Stasi..." Äh, Moment mal... Zum Glück meldeten sich gleich mehrere Schüler, um dieses Missverständnis aufzuklären :-)
...auch schön. Frage: "Welche Rolle spielten denn die Medien bei der Verbreitung der Ideologie?" Gegenfrage: "Die Mädchen?!" Lehrer(in)antwort: "Ja genau, gib den Mädchen Informationen, die sich schnell verbreiten sollen und es klappt wunderbar!" *lach*
Die Halbjahreszeugnisse stehen an. Die 11er sollen auf einen Zettel schreiben, welche mdl. Note sie glauben verdient zu haben und sollen das - selbstverständlich, immerhin befinden wir uns im Philo-kurs - begründen. Einen Zettel habe ich gelesen, da stand folgendes: "Ich verdiene eine Drei, weil meine Mitarbeit schon mal besser war und ich auch oft zu spät gekommen bin. Aber darüber bin ich nicht traurig, weil ich sowieso an die Gesamtschule wechseln will und dort ein Jahr nachholen werde. Dort werde ich dann auch wieder öfter mitmachen. Deshalb verdiene ich eine Drei. Es liegt nicht am Fach und ich finde Sie sind ein guter Lehrer, wie alle anderen und deshalb werden Sie schon die richtige Entscheidung treffen."

Der erste Unterrichtsbesuch

„Wenn wir unsere Nahrungsgewohnheiten nicht ändern, wie können wir dann jene Sklavenhalter verurteilen, die ihre eigene Lebensweise nicht ändern mochten?“ (P. Singer)
Bevor die Erinnerung daran verblasst, möchte ich die Ereignisse rund um meinen ersten Unterrichtsbesuch festhalten, den ich gestern über die Bühne gebracht habe.

Eigentlich beginnt die Geschichte schon früher, nämlich am vergangenen Samstag, als ich der Fachlehrerin der Klasse meinen Stundenentwurf zugeschickt habe - und darauf keine Reaktion erhielt. Super! Dachte ich, okay, dann mach ich einfach mein Ding. Am Dienstag Nachmittag fiel ihr dann doch ein mit mir darüber sprechen zu wollen, leider ohne ein konstruktives Ergebnis hervorzubringen. Da fielen dann Sätze wie "Also, wenn das meine Stunde wäre, würde ich das nicht so machen." und "Mach wie du denkst." und "Ich sag dir auch nicht, wie ich es machen würde, weil du das ja eh nicht gut findest." Kann mir mal bitte jemand sagen, wie man damit umgehen soll?! Davon mal abgesehen, dass die Frau ein wahnsinnig gutes Bild von mir haben muss, wenn sie solche Äußerungen von sich gibt... 

Jut, ich also nach Hause, natürlich voller Selbstzweifel und die Stunde komplett umgeschmissen. Nicht, dass ich konkrete Tipps bekommen hätte, aber die Zweifel an der geplanten Stunde waren immerhin so groß geworden, dass ich von vorne begonnen habe. Nachdem ich Helene gefühlte 125 Mails samt Anhang geschickt habe, mit Fragen wie "Meinst du, die lesen das in 10 Minuten?" u.ä., war ich gegen 21 Uhr fertig (im wahrsten Sinne), hab noch grob die Geschichtsstunde für heute geplant und bin nach zwei Gläsern Rotwein ins Bett.

4.45 der Blick auf den Wecker...klingelt erst eine Stunde später...was mach ich so lange?! Grübeln natürlich. Irgendwann war's dann aber auch so weit, ich in der Schule und der Seminarleiter samt Ako im Klassenzimmer. Ich habe den Schülern zuerst ein Bild von Sklaven und Sklavenhaltern gezeigt: "oh, die tun mir leid" und "Sklavenhaltung ist böse" etc. und dann das Zitat von Singer aufgedeckt. Ziel der Stunde war Singers Argumentation nachzuzeichnen bzw. zu prüfen, was wirklich gut geklappt hat. Am Ende dann die Frage, ob sie jetzt Vegetarier werden, die durchweg negativ beantwortet wurde, auch wenn sie Singers Argumentation schlüssig fanden. So eine Reaktion wird vom Seminarleiter übrigens so gewertet, dass die Schüler sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, eine gute Atmosphäre herrscht und sie sich trauen ihre wahre Meinung zu sagen, auch wenn die Lehrerin vielleicht etwas anderes erwartet.

Kurzum. Beide, Ako und Seminarleiter, waren begeistert! Erst Recht nach der Frage, ob ich Hilfe beim Erstellen der Stunde hatte, die ich ja verneinen konnte. Dafür habe ich mich mal gründlich ausgekotzt, was (leider) zur Folge hat, dass der Seminarleiter jetzt mit meinem Philo-Lehrer redet (den er auch ausgebildet hat). Der Seminarleiter findet nämlich, dass ich guten Unterricht mache und dass ich mich ruhig ausprobieren sollte. Und wenn die Methoden meiner Ausbildungslehrer nicht mein Ding sind, dann soll ich sie auch nicht machen. Zitat "Jetzt hören Sie doch mal auf sich zu rechtfertigen, das haben Sie gar nicht nötig!" ABER ich soll auch die Ratschläge meiner Lehrer berücksichtigen, weil man von jedem etwas lernt, im Zweifel von dessen Fehlern. Ich hätte eine provokante Art zu unterrichten, was ihm sehr gefällt, ihm hat die Stunde Spaß gemacht (was selten der Fall ist, laut eigener Aussage) und ich soll mir keine Sorgen machen. So eine Unterrichtsstunde erwartet er nicht am Anfang, sondern im Examen! Was bin ich stolz! Und ich habe das wirklich gebraucht! Endlich mal jemand, der mich als das wahrnimmt, was ich bin und nicht als streitsüchtige, besserwisserische Referendarin, die gegen Ratschläge immun ist. 

Die Lehrerin hat mich übrigens nicht gefragt, wie das Gespräch verlief. Ich hab's ihr aber auch nicht erzählt. Ich will da einfach keinen Kontakt mehr... Auch mein anderer Philo-lehrer, mit dem der Seminarleiter reden will, hat nicht nachgefragt, wie's lief. Ich sehe schon, ich werde mich in diesem Fachbereich die nächsten Monate sehr wohlfühlen ;-)

Ein herzlicher Dank an dieser Stelle noch mal an Helene, die zuhause schon auf mich wartete. Im Gepäck Pizza, Kuchen und den obligatorischen Sekt! Da haben die 5 Stunden Seminar am späten Nachmittag gleich viel mehr Spaß gemacht :-)

Leider bleibt nicht viel Zeit, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen, denn jetzt geht's an die Planung für die Lehrprobe am Montag, die dann auch benotet wird. Und von der ich hoffe, dass sie mindestens so gut läuft, wie die Stunde gestern.

In diesem Sinne: Viva la revolucion!

Blue Eyed - Filmtipp meines Fachseminarleiters für Philosophie


"Fremdenhaß hat nichts mit Hautfarbe oder ethnischer Zugehörigkeit zu tun, sondern nur mit oben und unten, mit arm und reich, mit höherwertig und minderwertig. Wo Fremdenfeindlichkeit herscht, werden auch Frauen, Behinderte oder Homosexuelle ausgegrenzt.

Jane Elliott, ehemalige Lehrerin aus dem Mittelwesten der USA, führt seit über 20 Jahren einen engagierten Kampf gegen Vorurteile, Ignoranz und Rassismus in ihrer Gesellschaft. Was sie nach dem Tode von Martin Luther King jun. 1968 mit ihren Schülern begann, praktiziert sie heute mit Lehrern, Studenten, Feuerwehrleuten oder ganzen Bankbelegschaften. In Workshops teilt sie die Menschen nach einem willkürlichen körperlichen Merkmal ein in BLAUÄUGIGE und BRAUNÄUGIGE. Letztere erklärt sie für besser und intelligenter und stattet sie mit Privilegien aus, die sie den Blauäugigen, die sie als schlecht, minderwertig und dümmer abqualifiziert, nicht gewährt. Viele Weiße erspüren hier zum ersten Mal das Gefühl, zu denen zu gehören, die nie gewinnen können, und so behandelt zu werden, wie die Gesellschaft Frauen behandelt, Farbige behandelt oder Menschen, die körperlich abweichend sind. Innerhalb von 15 Minuten schafft Jane Elliot einen Mikrokosmos unserer Gesellschaft mit allen Phänomenen und Gefühlen, die auch in der Realität aufscheinen. Ähnlich wie bei dem berühmt-berüchtigten Milgram-Experiment können sich selbst Teilnehmer, die voll über die Spielregeln informiert sind, nicht ihrer Rolle entziehen. Aus dem Spiel wird grausame Realität, die einige Teilnehmer in unvorhergesehene Gefühlstiefen stürzt..."

Hier gibt es das Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung dazu.

Montag, 23. Januar 2012

Ideologie, süße Schüler und die Bäckerfachverkäuferin

"In Deutschland leben 300.000 Geisteskranke, Epileptiker etc., deren Anstaltspflege 4 RM pro Tag kostet. Wieviel Ehestandsdarlehen von 1000 RM könnten damit finanziert werden?"

Wenn man diese Mathematikaufgabe aus der Zeit des Nationalsozialismus als Beispiel für deren Ideologie im Unterricht erzählt, lasse die Schüler NIE NIE NIE das Ergebnis berechnen... Eigentlich war es nur zur Anschauung gedacht, aber so schnell konnte ich gar nicht gucken, wie die Schüler ihre Taschenrechner hervorgeholt hatten. Eigentlich ein klasse Beispiel, wie gut man Schüler mit solchen Dingen ein Bewusstsein einimpfen kann, ohne dass sie es hinterfragen. In der Nachbesprechung teilte mir der Lehrer dann mit, dass in einer Examensstunde an dieser Stelle abgebrochen worden wäre - pietätlos :-( Er hat ja Recht, aber genauso gut zeigt es doch eben, wie das Einimpfen von Ideen funktioniert! Naja, es war einen Versuch wert.

Die 11. entwickelt sich wirklich zu meiner Lieblingsklasse. Oder sie wollen sich nur einschleimen. Aber das ist mir egal, wenn man bekniet wird, doch bitte weiter dort zu unterrichten. Ich soll nicht nur ab und zu kommen, sondern für immer da bleiben. Und am besten auch den Geschichtskurs übernehmen. Die letzte Klausur wäre so schlecht ausgefallen, weil sie's nicht verstehen und der Lehrer über falsche Wortmeldungen spottet, traut sich niemand aufzuzeigen (ha, der Westen hat meine Sprache erreicht ;-)). 

Aus dem Kurs noch eine kleine Anekdote von heute. Wir haben alle zwei Wochen im Nebengebäude und können deshalb nie pünktlich mit dem Unterricht beginnen. 5 Min später anfangen ist die Regel. Nachdem dann heute 95% des Kurses da waren, habe ich begonnen, obwohl der Lehrer auch noch nicht da war. Nach zwei Minuten kommt ein Schüler in den Raum und will anfangen, sich bei mir für sein Zuspätkommen zu entschuldigen. "Bitte kommentarlos setzen und zuhören" war mein Einwand. Gesagt, getan, er setzt sich, wir machen weiter. Nach weiteren 10 Minuten kommt der eigentliche Lehrer und macht was? Fängt erstmal groß und breit an zu erzählen, warum er zu spät kommt. Wohlgemerkt, wir waren mitten im Unterricht. Während er erzählend zur Bank in der letzten Reihe läuft, starre ich wütend seinen Hinterkopf an, während die kpl. Klasse vor Lachen fast vom Stuhl fällt. Mir lag auf den Lippen, ihm dasselbe zu sagen, wie dem zuspätkommenden Mitschüler, hab mich aber nicht getraut :-( Ich HASSE Unpünktlichkeit!

Und nun habe ich den längsten Unterrichtstag meiner bisherigen Referendariatszeit hinter mir. 6 Stunden Unterricht am Stück. Bzw. drei Doppelstunden (hört sich aber nicht so schlimm an, wie 6 Einzelstunden ;-)). Ich muss sagen, es geht. Zwar kam ich wieder nicht zum Essen und konnte in der 11. kaum noch reden, aber ich hätte es mir schlimmer vorgestellt.

Bevor ich mich gleich dem kommendem Unterricht der Woche widme, ein kleiner Nachtrag zur Servicewüste Aachen. Auf dem Heimweg gehe ich zu meinem Bäcker ums Eck, um Brot zu kaufen. Nicht nur, dass ich mit Brot und Schokocroissant den Laden verlassen haben, nein, ich weiß jetzt auch, dass die Bäckersfrau 39 Jahre verheiratet war, seit einem halben Jahr geschieden ist, weil ihr Mann in Kur war und dort "eine Dummheit begangen hat". Dass sie deswegen noch oft weint und von ihrem Lohn kaum leben kann. Außerdem muss man beim Bäcker zur Zeit sieben Tage die Woche arbeiten, weil sie nicht genügend Arbeitskräfte haben und die Stunden nicht ausbezahlt, sondern nur gutgeschrieben werden. Sie würde so gerne Abends mal ausgehen, hat aber nicht die Kraft dafür. Ich muss nachher mal in den Spiegel schauen, ob auf meiner Stirn steht "Bitte erzähle mir deine Lebensgeschichte" - es scheint fast so ;-)

Sonntag, 22. Januar 2012

Servicewüste Aachen?

Nach meinem gestrigen Besuch eines Shoppingcenters musste ich mir mal wieder eingestehen, wie sehr mich Berlin abgehärtet hat. Da wird man im Supermarkt angepflaumt, wenn man seine Sachen nicht schnell genug einpackt, die Kleidungsfachverkäufer ignorieren die Kunden (wenn man sie denn überhaupt mal zu Gesicht bekommt) und auf öffentliche Toiletten, egal ob Bar, Club oder Restaurant, geht man meistens ungern.

In Aachen ist hingegen alles anders! Da erzählt der Schlecker-Verkäufer vom harten Schicksal der Arbeitnehmer (das war schon vor Wochen - witzig, wenn man bedenkt, was bei Schlecker grad los ist); die Bäckereifachverkäuferin erklärt einem beim Brotkauf bereitwillig das Mülltrennsystem der Aachener; die öffentlichen Toiletten sind IMMER sauber, egal um welche Uhrzeit oder in welcher Lokalität und gestern dann die Mister-and-Lady-Verkäuferin, die mir bestimmt 15 Minuten Geschichten aus ihrem Leben erzählt hat. Dabei wollte ich nur ein Shirt kaufen. Beim Bezahlen erfuhr ich dann, dass sie mal dieselbe Haarfarbe hatte wie ich, ihr violett aber besser steht (naja); dass eben ein schnuckeliger Kunde da war, sie aber seit fünf Jahren verheiratet ist; "ihre" Männer (sie war arabisch-muslimischer Herkunft) Neandertaler seien, weil sie Schwule nicht leiden können und sie nach Feierabend erst mal ihren Mann anmachen will, weil der nie ins Fitnessstudio geht, obwohl er doch genau weiß, dass sie auf breite Schultern steht. Ich wusste beim Verlassen des Ladens auch, dass sie 23 und seit acht Jahren mit ihrem Mann zusammen ist. 

So was macht mich fertig! Die können das doch nicht machen. Ich steh immer da, bin total perplex und ahne, dass ich zurück in Berlin einen totalen Kulturschock erleiden werde. 

Ich habe auch noch nie erlebt, dass Busfahrer tatsächlich noch einmal anhalten, wenn ein potentieller Fahrgast hinter dem Bus herläuft. Hier sehe ich das alle zwei Tage. Liegt's an der Luft, am Südwesten (der mediterane Einschlag vielleicht), an dem leckeren Essen? Am Wetter kann's jedenfalls nicht liegen, denn seid ich hier bin regnet es eigentlich ständig...


Okay, bevor ich vom Hundersten ins Tausendste komme, wünsche ich allen einen guten Start in die Woche und ganz viel Sonne im Herzen!